Vor 2 Wochen fing alles an.
Während ich durch Instagram scrollte, wurden mir plötzlich immer wieder Werbeanzeigen ausgespielt: Frauen, die stolz ihre Ausbeute einer neuen App präsentierten. Designerstücke, die sie dort angeblich für gerade einmal 1€ ersteigert hätten. Marken wie Yves Saint Laurent, Prada oder Louis Vuitton.
Das weckte natürlich meine Neugier. Denn bei einem so absurd günstigen Preis konnte es sich doch eigentlich nur um Ramschware handeln. Oder?
Whatnot – the new thing in apptown
Whatnot. So heißt die App.
Ich muss schon sagen: besonders aussprechbar ist der Name jetzt nicht gerade. Ein kleiner Zungenbrecher. Aber nach der zweiten Werbung hatte ich die App trotzdem auf meinem Handy installiert.
Ja, ich muss zugeben: Da war definitiv auch der Schnäppchenjäger in mir neugierig, ob man dort wirklich Designerstücke für 1€ ergattern kann. Aber ich wollte auch verstehen, was es mit dieser Plattform auf sich hat, von der ich zuvor noch nie gehört hatte — und warum plötzlich so massiv Werbung dafür gemacht wird.
Meine Vorgeschichte mit Designerartikeln, Luxus und meinem heutigen Umgang damit hatte ich euch bereits in diesem Beitrag hier einmal festgehalten. Und genau deshalb werde ich mittlerweile eher stutzig, wenn jemand Luxus zum absoluten Schnäppchenpreis anbietet.
Also wollte ich mir das Ganze einmal genauer anschauen.
Was ist Whatnot überhaupt?
Whatnot ist eine Livestream-Shopping-App, auf der Verkäufer:innen live ihre Produkte präsentieren und direkt versteigern. Die Möglichkeit, Artikel direkt zu kaufen, gibt es allerdings ebenfalls. Zuschauer:innen können in Echtzeit mitbieten, kommentieren und einkaufen.
Entwickelt wurde die App 2019 von Grant LaFontaine (CEO) und Logan Head (CTO) in Los Angeles. Der eine mit Background bei Facebook, der andere bei GOAT — scheinbar beide mit einer Schwäche für Sammlerstücke. Die Idee dahinter: eine Mischung aus Twitch und Sotheby’s.
Von (Vintage-)Fashion und Footwear über Luxusartikel bis hin zu Münzen oder Sammelkarten findet man dort mittlerweile alles mögliche.
Vor etwa zwei Jahren kam Whatnot auch auf den europäischen Markt.
Aber um ehrlich zu sein: Vor den aktuellen Instagram-Werbungen hatte ich persönlich noch nie etwas davon mitbekommen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich nicht tief in der Sammelkarten-Bubble unterwegs bin und die Plattform aktuell stark mit Luxusartikeln beworben wird.
Und ehrlich? Ich verstehe absolut den Reiz daran.
Seit der Pandemie boomt Liveshopping als Verkaufskanal. Was früher Teleshopping vorm Fernseher war, ist heute Livestream-Shopping auf dem Smartphone. Jederzeit verfügbar, jederzeit griffbereit. Liveshopping verbindet Unterhaltung, schnelles Shopping, Community und eine Prise Nervenkitzel. Vor allem die Auktionen heben das Ganze nochmal auf ein völlig anderes Level.
Ebay – Auktionen im oldschool style
Designertaschen über Auktionen zu kaufen ist für mich tatsächlich nichts Neues. Bereits 2014 habe ich auf eBay die ein oder andere Tasche ersteigert. Aber damals war alles noch deutlich entschleunigter.
Man hatte teilweise sieben Tage Zeit:
- sich alle Bilder anzusehen,
- Beschreibungen zu lesen,
- mit Verkäufer:innen in Kontakt zu treten,
- Preise zu vergleichen
- und zu überlegen, wie viel man wirklich bereit ist auszugeben.
Ob man dann schon früh ein Gebot abgegeben hat oder erst im absoluten „Pro-Level-Modus“ wenige Sekunden vor Ende der Auktion zugeschlagen hat — das war die eigentliche Spannung.
3, 2, 1 … deins.
Oder eben nicht.
Ebay auf Speed
Nachdem ich mein Profil eingerichtet hatte, ging alles plötzlich ziemlich schnell. Bereits am selben Nachmittag wurde mir der erste Livestream mit Designerhandtaschen angezeigt. Rund 60 Leute im Stream. Eine Verkäuferin, die zum ersten Mal via Whatnot ihre Ware anbot. Auf beiden Seiten: Neugier, Hype und Nervenkitzel.
Aber vor allem auf Seiten der Verkäuferin merkte man sehr schnell Überforderung, Enttäuschung und Ernüchterung. Taschen, die teilweise unter Einkaufswert verkauft wurden. Ein Lächeln, das ihr immer wieder entglitt. Ein Muster, das ich in den nächsten Tagen in vielen weiteren Streams beobachten konnte.
Goldrush Era 2026
Klar — die anderen Zuschauer:innen wurden vermutlich genauso in die App gelockt wie ich:
Luxusartikel zu Spottpreisen. Die Hoffnung auf das ultimative Schnäppchen, bevor die Plattform komplett überlaufen ist und der große „Goldrush“-Moment vorbei ist. Je mehr Streams ich beobachtete, desto mehr Muster fielen mir auf.
SEHR viele Louis Vuitton Taschen.
SEHR viele Hermès-Tücher.
SEHR viele Artikel, die jetzt nicht unbedingt „Kauf mich!“ schreien — aber marktschreierisch präsentiert werden.
Wenn ein Artikel nicht den gewünschten Preis erzielt, entgleisen die Gesichtsausdrücke. Ein passiv-aggressives:
„Wow, das war viel zu günstig.“ rutscht manchen Verkäufer:innen dann doch heraus. Man merkt deutlich, wie sehr einige darauf hoffen, dass Zuschauer:innen sich aus purem Hype gegenseitig hochbieten.
Gleichzeitig habe ich aber auch Streams gesehen, in denen Verkäufer:innen völlig lustlos wirkten:
Eine Person, die sich nach zehn Minuten im Stream erst einmal Essen gemacht hat.
Ein anderer Verkäufer, der wortlos einen Stapel Xbox-Spiele nacheinander in die Kamera hielt.
Und genau dort begann ich mich zu fragen: Was passiert eigentlich mit Shopping, wenn Unterhaltung, Zeitdruck und Auktionen permanent miteinander verschmelzen?
Der Selbsttest
Gerade aktuell scheinen viele Verkäufer:innen ihre Artikel teilweise deutlich unter Wert zu verkaufen — vermutlich auch, um Reichweite aufzubauen oder neue Zuschauer in ihre Streams zu ziehen.
Wenn man Glück hat, kann man dort aktuell tatsächlich echte Schnäppchen machen. Ich kann nicht über etwas berichten wenn ich es nicht selbst getestet habe. Deswegen habe ich mir aus Interesse und zum Selbsttest etwas gekauft: Die „DIY“ Givenchy Vintage Tasche. Das Emblem ist ab und entweder lebt man damit oder im DIY Gedanken kann man da was dran machen. 121€ und sie war meins. Plus Versand.
Natürlich hatte ich mir ein Limit gesetzt, dass hatte ich auch vor 12 Jahren schon. Dennoch habe ich richtig die Aufregung und die Anspannung gemerkt beim bieten. Regelrecht ein Rausch. Denn im Gegensatz zu früher, wo nach der letzten Sekunde Schluss war, verlängert sich bei Whatnot die Zeit nochmal um 10sec. Heißt 10 Sekunden länger zittern, 10 Sekunden mehr Dopamin Ausschüttung, 10 Sekunden mehr Rausch und ggf weniger Impulskontrolle, weil man WILL das Objekt der Begierde ja.
Und genau das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem Whatnot so gut funktioniert:
Es fühlt sich nicht nur wie Shopping an — sondern wie ein Spiel, eine Jagd oder ein kleiner Dopamin-Kick.
Auktionen waren schon immer emotional — Whatnot verstärkt alles
Ich glaube nicht, dass Whatnot „böse“ ist. Aber ich glaube, dass die Plattform sehr bewusst mit psychologischen Mechanismen arbeitet, die Menschen stark triggern können.
Auktionen waren schon immer emotional. Konkurrenz, Zeitdruck und der Wunsch, etwas „zu gewinnen“, spielen dabei eine große Rolle.
Whatnot verstärkt diese Dynamik allerdings extrem:
- Countdown-Timer
- Live-Kommentare
- Konkurrenzdruck
- FOMO
- spontane Entscheidungen
- permanente Reizüberflutung
Früher hatte man bei eBay Zeit zum Nachdenken. Whatnot lebt davon, dass man genau diese Zeit nicht hat. Und genau das macht die Plattform gleichzeitig faszinierend und gefährlich.
Das Problem mit der Geschwindigkeit
Besonders aufgefallen ist mir, wie schnell und chaotisch manche Streams werden. Neue Zuschauer kommen ständig dazu, Produkte wechseln im Sekundentakt und oft fehlt ein klarer Überblick darüber, was überhaupt angeboten wird.
Teilweise werden Artikel nur kurz gezeigt oder sogar noch zusammengefaltet präsentiert. Als Beispiel hier: Hermestücher. Farben wirken interessant — bis das Produkt geöffnet wird und man erst dann erkennt, dass einem Muster oder Details eigentlich gar nicht gefallen.
Gerade bei Vintage- oder Luxusartikeln sind Details aber entscheidend:
Material, Zustand, Verarbeitung oder Echtheitsmerkmale lassen sich oft kaum in wenigen Sekunden beurteilen. Secondhand- und Luxus-Shopping lebt eigentlich von Details. Livestream-Shopping reduziert vieles auf Sekundenentscheidungen.
Warum ich persönlich kuratierte Vintage-Shops oft bevorzuge
Ihr wisst: I AM a #vintagelover. Meine Sammlung die ich bereits alleine durch theplaincircle vintage angelegt habe beweist es. Trotz aller Faszination merke ich bei mir selbst, dass ich Vintage- und Luxusstücke lieber bei Shops kaufe, denen ich langfristig vertraue.
Dort habe ich Zeit:
- Bilder anzusehen
- Details zu prüfen
- Fragen zu stellen
- Preise zu vergleichen
- und vor allem in Ruhe nachzudenken
Einen meiner liebsten Louis-Vuitton-Schals habe ich beispielsweise über den kuratierten Vintage-Shop theplaincircle vintage gekauft. Nicht spontan im Livestream, sondern mit Zeit zum Überlegen — und mit dem Gefühl, genau zu wissen, was ich kaufe.
Denn der Unterschied den ich klar sehe ist: Die Ware wird nicht massenhaft präsentiert und mit einem „hier müsstest du als Käufer das nochmal sauber machen/ kleben/ nähen/ restaurieren“ verkauft.
Nein.
Sie wird einzeln aufbereitet, in liebevoller Hingabe aufbereitet sodass der Kunde noch weiter sehr viel Zeit mit dem erworbenen Piece hat. Bei einem Shop, wie z.B theplaincircle vintage, steckt so viel Arbeit und Wissen drin, die den Preis wert und gerechtfertigt sind.
Auch alleine wie ein Paket bei einem ankommt, da merkt man die Liebe in JEDEM Detail. Und genau dieses Vertrauen ist bei Luxus-Secondhand für mich unglaublich wichtig.

Mein Fazit zu Whatnot
Ich glaube nicht, dass Whatnot verschwinden wird — eher im Gegenteil. Livestream-Shopping trifft genau den Nerv unserer Zeit: schnell, interaktiv, emotional und voller Dopaminmomente.
Und genau deshalb: Es ist sooo wichtig bewusst damit umzugehen. Denn zwischen echten Schnäppchen, Unterhaltung und Community steckt auch eine Dynamik, die schnell impulsiv werden kann. Man gerät in einen Sog dem man sich schwer entziehen kann. Am Ende bietet man für Artikel die man eigentlich gar nicht braucht.
Gerade für Menschen, die Probleme haben mit Impulskontrolle, die eine Kaufsucht hatten oder in einer schwierigen Phase stecken, ist es abzuraten die App runterzuladen und sich dort anzumelden.
Vielleicht ist Whatnot nicht das Problem. Vielleicht ist es die Geschwindigkeit, mit der wir heute konsumieren.



